Metal Frenzy Freitag 2026

Freitagmorgen und ich werde durch seltsam angenehme Klänge geweckt. Bis ich in meinem Blubberschädel mit extremer Unterkoffeinierung begriff, was eigentlich los war, waren die Meister des gepflegten Wachsingens leider schon wieder mit ihrer holden Führerin weitergezogen.

Mit Ohne Strom und zumindest die eine Hälfte der »Metalmöhren« waren auf ihrer morgendlichen Wachmachrunde unterwegs. Keine Ahnung, wie die das immer schaffen, aber ich bin da einfach zu weich für. Der andere Teil, der Metalmöhren, ist neben Suzen Berlin die liebe Britta Görtz. Ihreszeichens nicht nur eine ausgezeichnete Sängerin, sondern auch eine ausgezeichnete Coachin für das Solide und Harsche in der Stimme.

Das gab es für die Fans dieser Gesangsart am frühen Morgen als kleinen Kurs im Infield zu erleben. Neben ihr stand noch Dave von Screamistry Vocal Coaching auf der riesigen Rollitribühne. Dort gaben beide gemeinsam einen Einblick in das Wie und Warum, dass Growlen wirklich eine Kunst und eine ganz eigene Gesangsart ist.

Growl Workshop

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Trotz dringlicher Aufnahme von Kaffee, habe ich es nur noch zu den letzten Klängen von dem Workshop ins Infield geschafft. Dafür war Sick Lick anwesend. Rock ’n’ Roll als Band und das erst seit 2024, aber das merkt man der Band kaum an. Mit kraftvollen Riffs irgendwo zwischen klassischem 80er-Hardrock der Moderne, und dazu ihrer Debütsingle »Born in Hell«, die schon über 20.000 Spotify-Streams gesammelt hat, holten sie das Infield aus seiner Morgenlethargie. Wer den Gitarristen während seines Solos auf dem Boden hat rollen sehen, weiß: Hier wird nicht nur Musik gemacht, hier wird performt. Weiblich geführter Hardrock mit Biss, genau mein Ding

Sick Lick

Den zweiten Slot spielten Extinct aus Kiel, für mich ein Wiedersehen nach 2022. Im Gepäck hatten sie ihr aktuelles Album »Incitement of Violence« von 2024 sowie gleich vier brandneue Songs, die noch auf keinem Tonträger zu finden sind. Die Resonanz im Publikum war entsprechend gut. Eine Band, die laut eigener Aussage bewusst auf Instagram-Inszenierung verzichtet und sich lieber auf die Bühne konzentriert, das hat man bei diesem Auftritt definitiv gemerkt. Ehrlicher Thrash, ganz ohne Schnickschnack, dafür mit umso mehr Substanz.

Extinct

Die nächste Bühnenpräsenz, waren Mein Herz In Flammen aus Stendal in der Altmark, also wirklich aus der direkten Nachbarschaft. Die vier Männer spielen Hardcore auf Deutsch, nicht mehr und nicht weniger. Einfach geradeaus, einfach gut. Mit Hatebreed als Blaupause, dazu deutsche Texte, also volle Moshpit garantiert. Für mich war das einer der Momente auf dem Frenzy, bei dem man merkt, wie wichtig es ist, dass auch lokale Bands eine Bühne bekommen.

Mein Herz in Flammen

Was danach kam, war erwartungsgemäß eine Show ganz anderer Art: MegaBosch. Die Hannoveraner Endzeitrocker inszenieren sich seit 2009 als die letzten Rockstars nach dem großen Knall, mit rostigen Kostümen, ihrem legendären Unimog »MegaMog« und einer Bühnenshow, bei der theatralische Überzeichnung Methode hat. Ihr Sound ist eine Mischung aus Hardrock, Heavy Metal, Punk und allem, was den großen Knall überlebt hat, verpackt in deutschsprachige Texte. Das hat Stil, macht Spaß, und das Publikum grölte von Anfang bis Ende begeistert mit, und manch ein Mensch in der Menge schaute interessiert auch auf die Ecken der Bühne und an den flammenwerfenden Protagonisten vorbei. Wer die Bilder sieht, wird wissen, was gemeint ist.

MegaBosch

Nun begann es doch ein wenig damit, dass uns das Wetter mit Anwesenheit bedrohte. Pünktlich zu Dymytry Paradox zogen erst etwas Wind und dann düstere Wolken über der Bühne auf.

Das Wetter schlug um und die Band in den charakteristischen Masken musste mit wenigen kleinen und kurzzeitigen Technikmalörs an der Bühne kämpfen und die Fans mit dem einsetzenden kurzen, aber echt heftigen Starkregen. Der englischsprachige Ableger der tschechischen Metal-Größe »Dymytry«, mit eigenem Frontmann »AL Paradox«, ließ sich davon aber null die Show stehlen. Das, was die da auf die Bühne hauten und an Show ablieferten, war »Slipknot« in klein. Das wird ganz sicher bald als würdiger Nachfolger jener Überband gehandelt. Und der Sänger klingt wirklich sehr, sehr ähnlich.

Ihr im Januar 2026 erschienenes Album »Born From Chaos«, zwischen Prag und Hamburg aufgenommen, klingt nach apokalyptischem Modern Metal mit Kinoambition, und genau das lieferten sie auch live.

Ich glaube, da haben wir den Anfang einer richtig großen Karriere miterleben dürfen. Meine Perle des Festivals bisher. Die Fans waren da augenscheinlich auch meiner Meinung, denn sie haben einfach trotz des Wolkenbruchs vor der Bühne im Regen die Eskalation abgeliefert, die so einer Band würdig ist. Großes Kino.

Dymytry Paradox

Nach diesem Irrsinnsbesuch des Regengottes betrat die Bühne ein Gast, der keiner ist. Nein, er ist einer der guten Geister, ohne den nichts geht. Die allwissende und allseitsbereite Macht in der Veranstaltungswelt. Peter M. Schmidt vom Nordsound Showroom schwang den Mob, um die Wassermassen von der Bühne zu bekommen. Das letzte Mal auf dieser Bühne mit seiner Band »Valid Blu« hatte er nun dafür gesorgt, dass die Bühne wieder für die kommenden Bands bereit war. Nichts schlägt ein geschultes Auge und Fachkompetenz. Shoutout an »Peter M. Schmidt«. Geiler Mann, geiler Typ.

Nachdem die Bühne ihre Inspektion bestanden hatte, betrat Coppelius die Bühne, und spätestens hier wurde klar, dass das Metal Frenzy nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Musikern ist, die die klassischen Instrumente des Metal benutzen. Die Berliner Gentlemen in Gehrock, Frack und Zylinder spielen ihren selbst erfundenen »Kammercore« auf Cello, Kontrabass und zwei Klarinetten, ohne eine einzige Gitarre. Wer das noch nicht gesehen hat: Das klingt nicht nach Schulkonzert, das klingt nach einem ordentlichen Brett, nur eben mit Klassik-Instrumenten. Inklusive Butler, der die Herren auf der Bühne bediente und manchmal sichtbar die Contenance verlor. Ach, und Freisekt, oder war es Champagner, gab es auch. Gekonnt serviert von einem wagemutig durchs Publikum flanierenden Musiker der Band. Schräg, aber ein absolutes Muss, wenn man mal über den musikalischen Tellerrand hinaus schauen möchte. Den Live sind »Coppelius« einfach eine Macht.

Coppelius

Dann folgt 1914 aus Lwiw in der Ukraine. Die Band benannte sich nach dem Ausbruchsjahr des Ersten Weltkriegs. Normalerweise tritt die Band in den Uniformen der K.u.K.-Armee der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie auf und verarbeitet den Ersten Weltkrieg wie auf ihrem aktuellen Album »Viribus Unitis«.

Was »1914« dann auf der Bühne ablieferte, war bester Blackened Death Metal von mächtiger Dichte und Druck. Nicht zuletzt, weil die Band jahrelang nicht auf Tour gehen konnte, gab es einen gewaltigen Auflauf vor der Bühne. Die Musik, die Seltenheit, dass diese Band auftreten kann, und sicher auch die allgemeine Situation verliehen diesem Auftritt eine ganz eigene emotionale Ebene. Einer der stärksten Momente des gesamten Festivals.

1914

Zum Einleiten des abendlichen Programms hatten die schwedischen Heavy-Metal-Veteranen Grand Magus ihren Auftritt auf dem »Metal Frenzy 2026«. Die Band um Frontmann und Gitarrist »JB« steht seit 1996 für epochalen Heavy Metal mit nordischen Einflüssen, und was ist Tradition auf dem »Metal Frenzy«? Bands, die ein Jubiläum feiern, bekommen eine Benjamin-Blümchen-Torte. Eben jene Torte bekamen »Grand Magus« von den beiden »Metalmöhren« feierlich überreicht, nachdem sie ihre Wall of Sound dem vollen Infield entgegengeschmettert hatten. Fetter Sound, viel Herzblut, und wenig Schnickschnack. Saubere Sache, dieses.

Grand Magus

Na dann schließen wir mal den Freitag ab. Den Headliner-Slot des Abends belegten Primordial aus Dublin. »Alan »A.A. Nemtheanga« Averill« hat eine der am stärksten im Gedächtnis bleibenden Stimmen, die ich seit langem erleben durfte. Dass ich damit nicht der einzige bin, bewies er auf dem »Metal Frenzy 2026« eindrucksvoll.

Die Iren von »Primordial« veröffentlichten zuletzt 2023 mit »How it Ends« ihr zehntes Studioalbum, und genau von diesem Album spielten sie erwartungsgemäß einige der Songs. Ihren großartigen Auftritt komplettierten sie mit einigen epischen Klassikern wie »Gods to the Godless« oder »The Coffin Ships«. Die Welt aus Pagan Metal, irischer Geschichte und schwarzem Pathos funktioniert auch in Gardelegen zu 100%. Das ist Primordial live: unersetzlich und unvergesslich.

Primordial

Den mitternächtlichen Schlusspunkt auf dem Hauptgelände setzten die belgischen Goregrinder von Brutal Sphincter aus Lüttich. Was nach einer Drohung klingt, ist in Wirklichkeit eines der verlässlichsten Partyprogramme der Szene. Die seit 2013 aktive Band nennt ihr Konzept »POOlitical Goregrind«: gesellschaftliche Zustände und politische Satire, verpackt in groovigen, brachialen Goregrind mit Augenzwinkern.

2025 haben sie das Album »Sphinct-Earth Society« auf den Markt gebracht. Ihr bisher vielseitigstes Werk. Die zwei Frontmänner untermalen ihre Welt des Grinde hier mit Einflüssen von Death Metal bis hin zu Hardcore. Auch wenn es spät war, und den Metallern schon einiges an Wetterbuch in den Knochen steckte, tobten sich die Musikfans auf dem Infield nochmal so richtig aus.

Der Frenzy-Freitag endete exakt so, wie ein guter Festivaltag enden soll: laut, feucht von Schweiß und Wetter, und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Brutal Sphincter